Wir und die anderen, Das Individuum in der Gesellschaft –
Das war das Thema des Literarischen Salons am 20.06.2026. Bei Temperaturen bis knapp unter 30° traf sich eine kleine Gruppe im Hof und stellte Texte vor. Die Beziehung von Einzelnen zu einer Gruppe, die Beziehungen in einer Gruppe werden im Werk von Thomas Mann immer wieder thematisiert. Und so stand auch eins seiner Werke am Anfang des Salons.

 

Sein Roman Der Zauberberg erzählt die Geschichte des jungen Hans Castorp, der seinen Vetter in einem Lungensanatorium in den Schweizer Alpen besucht und dort statt der geplanten drei Wochen sieben Jahre bleibt. Er begegnet Menschen , die unterschiedliche politische, gesellschaftliche und philosophische Überzeugungen vertreten. In der Begegnung mit ihnen wird sein Aufenthalt zu einer Erkundung des Verhältnisses von Individuum und Gemeinschaft. Eine seiner Bezugspersonen ist der Humanist Settembrini. Als genauer Kenner des Sanatoriums kommentiert er das Leben der Patienten oft mit ironischer Distanz. Es folgt eine Passage, in der Anton Schneermann, einer der Patienten auf dem Zauberberg, von seiner Mutter überraschend aus dem Sanatorium abgeholt und nach Hause zurückgebracht wird.

Jemand ist abgeholt worden, – vom Teufel geholt, oder eigentlich von seiner Frau Mutter, einer tatkräftigen Dame, sie hat mir gefallen. Es ist der junge Schneermann, Anton Schneermann, der dort vorn am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh' er's gedacht. Anderthalb Jahre war er hier – mit seinen sechzehn; es waren ihm eben noch sechs Monate zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß nicht, wer Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf jeden Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres Söhnchens in Baccho et ceteris. Unangemeldet erscheint sie auf dem Plan, eine Matrone – drei Köpfe größer als ich, weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und setzt ihn auf die Bahn. ›Soll er zugrund' gehen‹, sagt sie, ›so kann er's auch unten.‹ Und fort geht's nach Hause.«

Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini erzählte drollig. Er zeigte sich auf dem laufenden über die letzten Neuigkeiten, obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben Derer hier oben so kritisch-spöttisch verhielt. Er wußte alles. Er kannte die Namen und ungefähr auch die Lebensumstände Neuangekommener.

 

Aus dem Leben eines Fauns ist ein Kurzroman von Arno Schmidt. Sein Protagonist ist Heinrich Düring, ein Beamter im Nationalsozialismus, der sich vor der Gesellschaft in Literatur, Natur und eine heimliche Liebesbeziehung flüchtet. Als Düring bei Archivarbeiten eine abgelegene Hütte im Moor entdeckt, schafft er sich dort einen persönlichen Rückzugsort. Gemeinsam mit seiner jungen Geliebten führt er ein geheimes Doppelleben fern von gesellschaftlichen Zwängen. Dabei identifiziert er sich zunehmend mit der Gestalt eines ›Fauns‹, eines freien, naturverbundenen Waldwesens. Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs des ›Dritten Reiche‹ schildert Arno Schmidt die Suche nach persönlicher Freiheit und geistiger Unabhängigkeit. Die folgende Passage verdeutlicht Dürings Außenseiterrolle. Während seine Frau und sein Sohn die nationalsozialistischen Wertvorstellungen weitgehend übernehmen, begegnet er ihnen mit Skepsis und Ablehnung:

Vorher, Sonntag Vormittag, haben sıe ‹Vormilitärische Erziehung›, mit Zeltlager, Flaggenparade, und all dem scheinbar unvermeidlichen und schrecklich interessanten Opernzeremoniell. Mit 17 könne er sich freiwillig zu n Soldaten melden : Offizier werden : »Darf ich Pappa ? ! - Sonst kann ja der Gruppenführer ma mit Dir sprechen.« (Direkt als ruhige Drohung, unmißverständlich); und auch meine Frau machte geehrte Augen : »Wenn er doch Offizier wird, Heinrich ! Mit seiner höheren Schule : denk ma, wie neidisch Alsfleths sein würden !«. »Das gibt natürlich den Ausschlag«, sagte ich bitter, und : »von mir aus !«. - »Im August hat er ja Geburtstag - : von mir aus ! -« (Ehe ich mir die Parteibonzen von ihm auf den Hals hetzen lasse ! : wen es derart zum Strammstehen hinzieht, den soll man nicht aufhalten : Gott, war ich ein anderer Kerl in dem Alter gewesen ! Hatte eine solide demokratische Erzichung genossen ! Und wo Menschen in Scharen auftraten, immer den Rücken gedreht ! - Und ist meine Frau albern !) 

 

In dem Roman Immerwahr von Sabine Friedrich wird  das Leben der Chemikerin Clara Immerwahr erzählt, einer der ersten Frauen in Deutschland mit Promotion in Chemie. Im Mittelpunkt stehen ihre wissenschaftlichen Ambitionen, die gesellschaftlichen Einschränkungen für Frauen sowie ihre Ehe mit dem Chemiker Fritz Haber. Vor dem Hintergrund des Deutschen Kaiserreichs und des Ersten Weltkriegs schildert der Roman Claras wachsenden Konflikt mit Habers Beteiligung an der Entwicklung von Giftgas. Sabine Friedrich verbindet historische Fakten mit einer literarischen Darstellung und zeichnet das Porträt einer Frau zwischen persönlicher Selbstverwirklichung, gesellschaftlichen Erwartungen und moralischer Verantwortung.

Im Mittelpunkt des Literarischen Salons stand der Abschnitt des Romans, in dem Clara Immerwahr gegen zahlreiche gesellschaftliche Widerstände ihren Weg an die Universität findet.

Sie war nie eine Frauenrechtlerin. Ihr ging es nicht um das Grundsätzliche: Sie wollte immer nur ihren eigenen inneren Menschen entwickeln. Sie wollte nur ihren ureigensten Betätigungsdrang ausleben, und zwar dort, wo es sie mit aller Inbrunst hinzog: in den Naturwissenschaften. […] Der Vater ermutigte sie, Kind, man hat Möglichkeiten. Man hat doch immer seine Möglichkeiten, ich helfe dir. Wir werden Schritt für Schritt vorgehen. Der Vater sprach mit dem Schulleiter des Realgymnasiums. Er sprach mit der Behörde, er ebnete ihr den Weg, zusammen erwirkten sie die Genehmigung, dass Clara als Externe die Einjährig-Freiwilligen-Prüfung ablegen durfte. […]
Sie bestand, mit Auszeichnung. […]
Sie durfte nun tatsächlich studieren. Sie durfte in Deutschland studieren, in Breslau sogar. Sie musste nicht fort. Sie musste sich nur bemühen, eine individuelle Bewilligung der Schulbehörde zu erwirken, die es ihr gestattete, sich als Externe des Realgymnasiums auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Dazu hatte sie zu jedem neuen Semester wieder eine Genehmigung des königlichen Universitätskuratoriums zum gastweisen Vorlesungsbesuch einzuholen. Diese war dann den Professoren vorzulegen, bei denen sie hören wollte, woraufhin sie die schriftliche Erlaubnis selbiger Professoren zum Vorlesungsbesuch beantragen konnte. War die erfolgt, konnte sie im Rektorat um Erteilung eines Rektoratserlaubnisscheins einkommen: mit dem dann wiederum der verbindlichen Anmeldung zu besagten Vorlesungen nichts mehr im Wege stand.
Das einzige, was dann ihre tatsächliche Teilnahme am Unterricht noch verhindern konnte, waren die Herren Studenten, die die Anwesenheit von Frauen im Hörsaal nicht in jedem Falle zu dulden geneigt waren: So hatten sie etwa bei einer Vorlesung über Geschlechtskrankheiten und die medizinischen Gefahren der Prostitution mit ihren Trommel- und Pfeifkonzerten ein solches Tohuwabohu angerichtet, dass der Professor sich nicht mehr anders zu helfen gewusst hatte, als Charlotte Sackur und zwei Mitstudentinnen zum Verlassen des Hörsaals zu nötigen.

 

In seinem Roman Austerlitz erzählt W. G. Sebald die Geschichte eines Mannes, der als jüdisches Flüchtlingskind seine Heimat und Identität verlor. Jahrzehnte später begibt er sich auf die Suche nach seiner Herkunft und rekonstruiert das Schicksal seiner Familie. Der Roman verbindet persönliche Erinnerungen mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und thematisiert die Bedeutung von Erinnerung und Identität. Die folgende Passage gibt eine Erinnerung wieder, die Austerlitz von seinem Vater Maximilian überliefert wird. Als politisch engagierter Prager Jude beobachtet Maximilian die Entwicklung des Nationalsozialismus aus der Distanz und deutet sie nicht als Werk einzelner Machthaber, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Einstellungen und Wünsche.

Maximilian war, trotz der fröhlichen Natur, die ihm nicht anders als Agáta zu eigen war, seit ich ihn kannte, so sagte Věra, sagte Austerlitz, davon überzeugt, daß die in Deutschland an die Macht gelangten Parvenus und die unter ihrer Regie ins Unabsehbare sich vermehrenden Körperschaften und Menschenscharen, vor denen es ihm, wie er oft sagte, förmlich grauste, von Anfang an sich ausgeliefert hatten an eine blinde Eroberungs- und Zerstörungssucht, deren Brennpunkt das magische Wort tausend war, das der Reichskanzler, wie man am Rundfunk mitanhören konnte, in seinen Reden fortwährend wiederholte. Tausend, zehntausend, zwanzigtausend, tausend mal tausend und abertausend sei der mit heiserer Stimme hervorgestoßene, den Deutschen eingetrichterte Reim auf ihre eigene Größe und das ihnen schon bevorstehende Ende gewesen. Trotzdem, sagte Věra, fuhr Austerlitz fort, habe Maximilian keineswegs geglaubt, daß das deutsche Volk in sein Unglück getrieben worden sei; vielmehr hatte es sich, seiner Ansicht nach, selber von Grund auf, aus dem Wunschdenken jedes einzelnen und aus den in den Familien gehegten Gefühlen, in dieser perversen Form neu geschaffen und hatte dann die Nazigrößen, die Maximilian ausnahmslos für Wirrköpfe und Faulpelze hielt, als symbolische Exponenten seiner inneren Bewegtheit hervorgebracht. 

 

Der Roman Jedermann von Philip Roth wurde vorgestellt. Roth war Jude und gilt als einer der bedeutendsten Chronisten des amerikanischen Gesellschaftslebens. Über viele Jahre galt er zudem als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis, der ihm jedoch nie verliehen wurde. Sein Roman erzählt das Leben eines namenlosen Mannes von der Kindheit bis zu seinem Tod. Der Protagonist ist einer der beiden Söhne eines jüdischen Juweliers, dessen kleines, keineswegs exklusives Geschäft in New Jersey die Familie ernährt. Er wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf, wird beruflich erfolgreich, heiratet mehrfach und hat Kinder. Obwohl er materiell erfolgreich ist, scheitern viele seiner persönlichen Beziehungen. Besonders die Beziehung zu seinen beiden älteren Söhnen leidet unter seinen Affären und Scheidungen. Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich seine Gesundheit. Er muss zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen und wird immer stärker mit seiner Sterblichkeit konfrontiert. Nachdem seine dritte Ehe gescheitert ist und er älter wird, verkauft er sein Haus und zieht in eine Seniorenwohnanlage namens Starfish Beach an der Küste von New Jersey. Der folgende im Salon vorgestellte Textauszug handelt dort.

Wenn er vom Abendessen zurückkam, versuchte er es sich gemütlich zu machen und zu lesen. Er besaß eine Bibliothek großformatiger Kunstbände, die eine ganze Wand seines Ateliers füllten; sein Leben lang hatte er sie gesammelt und studiert, jetzt aber konnte er nicht in seinem Lesesessel sitzen und die Seiten eines einzigen Buchs umschlagen, ohne sich lächerlich vorzukommen. Die Täuschung – wie er das jetzt sah – hatte ihre Macht über ihn verloren, und daher steigerten diese Bücher nur seine Vorstellung von dem hoffnungslos lachhaften Amateur, der er war, und von der Nichtigkeit der Beschäftigung, der er seinen Ruhestand gewidmet hatte. 

Als er versuchte, ein wenig mehr Zeit in Gesellschaft seiner Mitbewohner in Starfish Beach zu verbringen, erwies sich das ebenfalls als unerträglich. Im Gegensatz zu ihm brachten viele von ihnen es fertig, nicht nur ganze Gespräche zu führen, die nur um ihre Enkelkinder kreisten, sondern auch in der Existenz ihrer Enkelkinder einen hinreichenden Grund für die eigene Existenz zu finden. Verbrachte er notgedrungen Zeit mit diesen Leuten, erlebte er zuweilen Einsamkeit in ihrer reinsten Form. Und selbst das Zusammensein mit den Nachdenklichen, den Redegewandten unter den Dorfbewohnern war nur hin und wieder interessant. Die meisten dieser Alten waren seit Jahrzehnten verheiratet und fühlten sich dem, was von ihrem ehelichen Glück geblieben war, noch immer so verbunden, dass er selten einmal einen Mann überreden konnte, ohne seine Frau mit ihm essen zu gehen. Betrachtete er solche Paare manchmal mit Wehmut, wenn der Abend nahte oder an Sonntagnachmittagen, so galt es doch auch die übrigen Stunden der Woche zu bedenken, und in seinen melancholischsten Momenten wusste er, dass er für ein Leben wie das ihre nicht geschaffen war. Das Fazit lautete: Er hätte niemals in eine solche Gemeinschaft ziehen dürfen. 

So steht Roths Text in Beziehung zu Hermann Hesses Gedicht Im Nebel. Hesse beschreibt darin die Erfahrung, dass Menschen trotz aller Nähe zueinander letztlich allein sind. Der Nebel wird zum Bild für die Trennung zwischen den Menschen und für die Einsamkeit, die jeden Einzelnen begleitet. Damit greift das Gedicht ein zentrales Motiv von Roths Roman auf: die Erkenntnis, dass Erfolg, Beziehungen und gesellschaftliche Zugehörigkeit die grundlegende menschliche Einsamkeit nicht aufheben können. In der letzten Strophe heißt es:

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Aus: Die Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2001

Der heute weitgehend vergessene Georg Hermann gehörte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellern. Sein literarisches Vorbild war Theodor Fontane, weshalb er häufig als ›jüdischer Fontane‹ bezeichnet wurde. Nach dem Reichstagsbrand emigrierte er in die Niederlande; nach der deutschen Besetzung wurde er deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet. Der Doppelroman Jettchen Gebert / Henriette Jacoby spielt im jüdisch-liberalen Berlin der Jahre 1839/40. Seine besondere Stärke liegt in der anschaulichen Schilderung des Berliner Alltags zwischen Biedermeier und Vormärz. Im Mittelpunkt steht die Waise Jettchen Gebert, die zwischen ihren eigenen Neigungen und den Erwartungen ihrer Familie steht. Obwohl sie sich zu dem mittellosen Literaten Kößling hingezogen fühlt, fügt sie sich dem familiären Druck und heiratet ihren Vetter Jacoby. Die Folgen dieser Entscheidung bestimmen ihren weiteren Lebensweg bis hin zum tragischen Ende. Doch der Anfang des Romans könnte heiterer nicht sein:

Es kann sich wohl kaum noch einer erinnern, wie damals Jettchen Gebert die Königstraße entlang ging. Staubwolken blies der Wind vom Alexanderplatz in die Königstraße hinein; denn es war so der erste wirklich schöne blaue Frühlingstag im Jahre. Gerade zwischen den Puppen der Königskolonnaden oben auf dem Dach, zwischen den hastig bewegten Steinfiguren zogen am Himmel weiße Wölkchen hin. In der Neuen Friedrichstraße, in den Gärten hinter der Mauer, wurden eben die Bäume rot und braun; Kätzchen pendelten an den Pappeln, und Blütentupfen überzogen selbst die feinsten Ästchen der Ulmen. Die Fliederbüsche, die sich über den Zaun bogen, hatten sogar dicke grüne Knospen mit zackigen Spitzen, die morgen schon aufbrechen wollten. Um den Turm der Parochialkirche aber flogen, sich jagend und taumelnd wie schwarze verliebte Schmetterlinge, die Dohlen; und die ganze Klosterstraße herunter standen die Planwagen vom Gänsemarkt ... große braune Pilze unter der weißen Sonne.

Die schmalen Häuser jedoch, die unter den rotbraunen Kappen der Dächer, rosig und hell angestrichen, mit ihren schlichten Püppchen von Stuck in der Sonne lagen, mit den Kellerhälsen und den Steinbänken daneben, mit den vielen kleinen blanken Scheiben im weißen Rahmen, mit den Spionen an den Fenstern jedes Stockwerks – sie standen da wie zwei Reihen Grenadiere, die Spalier bildeten und präsentieren, weil die Schönheit kommt.